Zeitkapsel

Am westlichen Rande des Odenwalds, unweit der hessisch-bayrischen Landesgrenze erreichen wir unsere Location. Die Anfahrt mit dem Auto, 43 Kilometer durch den Odenwald, dauert etwa eine Stunde. Vorbei am Marbach-Stausee und durch Erbach durch, erreicht man den Ortsteil Vielbrunn und das Parkhotel 1970. Ich bin heute mit Susanne unterwegs, die ebenfalls ein paar Aufnahmen für ein anderes Projekt machen möchte. Bereits am Parkplatz treten wir in diese ganz besondere Zeitkapsel ein. Die Besitzerin und langjährige Betreiberin des Hotels, zufällig gerade im Golf-Cart unterwegs, zeigt uns den Weg (parkseitiger Eingang) und heißt uns freundlich willkommen.

Anfang der 70er Jahre war ich noch sehr klein. Meine ersten Erinnerungen sind etwa von 1973. An was ich mich erinnere sind der damals neu gebaute Abenteuerspielplatz in meinem Wohngebiet, grasgrüne VW-Golfs, Schlaghosen, gelbe Baumwoll-T-Shirts und die Sesamstraße. Kindergeburtstage mit Topfschlagen, Eier-Tomaten-Pilzen und kaltem Hund kommen mir in den Sinn.

Vorbei am Hotelbungalow und Hallenbad betreten wir das Hauptgebäude. Links die Bar, rechts ein großzügiger Bereich unterteilt in verschiedene Zonen: eine lange Tafel, Frühstückstische und ein großzügiges Wohnzimmer mit Parkblick. Es ist Montag Vormittag, es ist leer, die Wochenend-Gäste sind gerade abgereist. Jetzt sind wir allein beim Frühstück und meine Wahrnehmung schlägt Alarm. Praktisch an jeder Ecke, in jedem Winkel, überall werden Erinnerungen wach, das Gedanken-Karussell dreht sich. Die erste halbe Stunde ist geradezu euphorisierend und macht richtig gute Laune.

Wir beginnen mit dem Frühstück, klassisch mit Ei, Wurst- und Käseplatte, Marmelade und liebevoll zubereitetem Obstsalat. Im Wohnzimmer blättere ich anschließend in original Modezeitschriften aus den 60er und 70er Jahren. Überall sind Details, die mich begeistern oder zum weiteren Nachdenken bringen, denn hier ist nichts geschönt, sortiert oder extra für Design-Liebhaber arrangiert. Die 70iger mit ihren vielen Facetten werden hier wieder lebendig.

Selbst die Toiletten sind sehenswert.

Weiter geht es durch das Restaurant, zur Lobby und zur eigentlichen Rezeption. Fast alles ist original, unverändert und authentisch.

Tapete und Wandbild im Parkhotel 1970

Nach einer weiteren guten Stunde treten wir den Rückweg an, nicht ohne noch einen Blick von außen ins Hallenbad zu werfen.

Mein Fazit

Ein Ausflug, der gute Laune macht, aber auch zum Nachdenken anregt, denn hier wurde nichts extra arrangiert oder korrigiert. Es handelt sich nicht um ein 70er-Jahre-Design-Style-Museum, sondern um ehemals gelebte Realität. Ein Ensemble mit einzigartigem Charakter.

Während der Nullerjahre, die ich zum großen Teil in Berlin verbrachte, konnte ich das „Aufbrechen“ anderer Zeitkapseln miterleben. Damals habe ich teilweise ganze Straßenzüge (z.B. in Berlin-Biesdorf) als „original erhaltene Weimarer Republik“ empfunden. DDR-Sozialismus, der sich an anderer Stelle ebenfalls baulich manifestierte, begann sich dort bereits an vielen Stellen schon wieder aufzulösen. Der Unterschied zur Zeitkapsel 1970 hier ist für mich das Bewusstsein, in dieser Zeit selbst mit dabei gewesen zu sein und diese selbst erlebt zu haben.

Links / Tipps

Link zum Parkhotel 1970:
https://parkhotel-1970.de/

Ausführlicher Beitrag auf dem Blog von Julia Schattauer:
https://bezirzt.de/zu-besuch-im-parkhotel-1970/

In der Nähe und auch einen Besuch wert ist der Englische Garten Eulbach:
http://www.rentkammer-erbach.de/englischer-garten.php

Danke an Susanne Emig für die Fotos auf denen ich abgebildet bin.

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