Der vom Tränke-Parkplatz ausgehende Münschbach-Rundweg führt unter anderem ein Stück entlang der Gemarkungsgrenze zwischen Rimbach und Zotzenbach. Als ich vor ein paar Monaten zum ersten Mal dort unterwegs war, fiel mir ein Stein mit einem eingeritzten Pfeil auf. Von meinen weiteren Beobachtungen auf diesem kurzen Wegstück berichte ich hier.



Der Pfeilstein
Als ich dann das nächste Mal den Rundweg entlanglief, hielt ich Ausschau nach weiteren Steinen. Und tatsächlich: Ohne große Mühe konnte ich zwei weitere entdecken. Ähnlich vom Material und von den Maßen, jedoch mit anderen Zeichen auf der Oberseite.
Es dauerte wieder eine Weile, bis ich bei der dann folgenden Tour, also beim dritten Anlauf, diese Entdeckung machte:
Auf der Rückseite des „Pfeil-Steins“: BUCHSTABEN!!

Ein Stein kommt selten allein…
Wieder und wieder machte ich mich auf den Weg. Mit einer Wurzelbürste befreite ich die Steine von grobem Schmutz und Bewuchs. Ich entdeckte nach und nach nicht nur weitere Steine, sondern mit Laubverwehungen und kurzzeitig einsetzendem Winter kam ich auch ziemlich durcheinander: Wo war nochmal welcher Stein, wo steht was vorne, hinten oder auf der Seite. Dazu kamen weitere Fragen:
- Wann wurden die Steine gesetzt bzw. der Grenzverlauf so definiert?
- Was bedeutet das G: Gemeinde, Gemarkung oder Gräntze? (Z und R stehen offensichtlich für Zotzenbach und Rimbach).
- Der Pfeil, die Quadrate, der Punkt und weitere Kerben: Was hat es damit auf sich?
- Sind die Grenzsteine noch gültig und stehen sie unter Denkmalschutz?
Um mir meinen Überblick zurückzuholen, trug ich einige der Standorte plus Fotos in eine Google-Karte ein. Theoretisch eine einfache Sache – wenn man nicht allzu pingelig ist und die Aufnahme möglichst direkt über den jeweiligen Punkten macht. So hundertprozentig genau sind die Einträge zwar nicht, aber für meine Zwecke tauglich. Hier das Ergebnis (klickt man auf die magenta-farbenen, runden Markierungen, gelangt man zu Fotos der jeweiligen Grenzsteine).
Ich habe dann an dieser Stelle die Suche nach weiteren Steinen fürs Erste beendet und die gefundenen durchnummeriert. Sicher sind dort oben noch weitere Steine – davor, dahinter, dazwischen…
Um vom Münschbach-Rundweg (Markierung: gelbe ①) aus zum ersten Stein zu gelangen, muss man oben angekommen den Weg kurz verlassen und ein Stück zurücklaufen (Weg ② bzw. ⑧, in Richtung Schlabbe-Bohm 🌳👟).
Von wann sind Steine und Grenze?
Um hier weiterzukommen, nehme ich mir eine alte Karte von 1730 vor.
Das Kartenwerk in das ich vor einiger Zeit bereits im Gemeindearchiv Einblick nehmen konnte beinhaltet die älteste erhaltene Parzellenkartierung der Gemarkungen Rimbach und Münschbach1. Durch die Vermessung, das Erstellen der Risse und dem Führen eines dazugehörigen Lagebuchs2, sollten Steuererhebungen einfacher und Eigentumsverhältnisse geklärt und dokumentiert werden. Im Territorium der Grafen von Erbach-Schönberg wurde die Vermessung vieler Gebiete durch den Geometer Johann Christian Fran(t)z, zwischen 1729 und 1745, durchgeführt3. Die vorliegenden Karten wurden 1730 fertiggestellt.
In direktem Zusammenhang mit der Vermessung steht das Einbringen von Feldmarken, die Arbeit der Steinsetzer und die Klärung von Grenzen im Vorfeld. Die Messungen, Berechnungen und Übertragungen auf Papier und in die dazugehörigen Bücher – sowie sämtliche Gerätschaften und die Organisation der Materialien und Helfersleute, all das gehörte zum Beruf des Geometers.
In diesem Zusammenhang ist auch interessant, dass eine Steinsetzer-Ordnung der Grafen von Erbach (1695)4 existiert. Diese regelte damals deren Berufung, Tätigkeit und Bezahlung – und welche Strafmaßnahmen bei Missachtung und Verstößen an Grenzen und Grenzsteinen galt. Die Steinsetzer-Ordnung zeigt, wie früh Rechtssicherheit, Nachbarschaftspflichten und staatliche Kontrolle miteinander verbunden waren. Sie sorgte damals für Frieden in Dorf und Feld.

Eine weitere Sache erstaunt mich als Grenzstein-Neuling6 : Ursprünglich dachte ich, dass Grenzsteine eher selten sind und nur gelegentlich und an besonderen Stellen stehen. Meine Recherchen und die Karten belehren mich eines Besseren: Besonders in den besiedelten und bewohnten Gebieten unserer Gemarkung(en) sind sehr viele „Marcksteine“ eingezeichnet. Die Parzellen werden in diesen Plänen praktisch nur durch Marksteine (und natürliche Grenzen) definiert7.
Überlagerung
Tractus 4 (Münschbach)8
Mit dem Schieber kannst Du die Karte mit und ohne eingetragene Steine vergleichen: Grün hervorgehoben sind die in der alten Karte eingezeichneten Marksteine, magenta-farbene Kreise kennzeichnen in etwa die Stellen der „von mir entdeckten“ Steine.
Was bedeuten die Buchstaben?
Es geht um die Buchstaben GZ und GR die sich auf den meisten der Steine finden. Dass das R für Rimbach steht und das Z für Zotzenbach ist naheliegend. Steht das G für Gemarkung oder Gemeinde(zugehörigkkeit) oder gar für Gräntze? Und was ist mit dem R, warum steht hier kein M, schließlich war es lange Münschbacher Gebiet?
Aus Unterlagen geht hervor, dass die Gemarkung Münschbach noch bis etwa 1830 bestand. Münschbach selbst gehörte seit 1556 zur Erbacher Grafschaft und ist „seit 1730 in die Gemeinde Rimbach schwebend eingegliedert“.9
Aufgrund des geschichtlichen Hintergrunds lässt sich das Alter der Grenzsteine für mich nicht verlässlich ableiten. Auch konnte ich eine später erstellte Karte mit Grenzsteinen bisher nicht ausfindig machen. Eine spätere Nachsetzung oder Nachbearbeitung von früher gesetzten Steinen wäre auch möglich.
Zotzenbach kam erst 1971 zu Rimbach und war vorher eine eigenständige Gemeinde. Eine Grenzsteinsetzung dieser Form und mit den Buchstabengruppen GR und GZ hätte also auch im 19. Jahrhundert noch Sinn gemacht10.
Was bedeuten die Zeichen auf der Oberseite?
Einige der Steine weisen auf ihrer Oberseite kleine Striche, quadratische oder punktförmige Vertiefungen auf, oder eben einen Pfeil.
Beim Pfeil und den Kerben handelt es sich um Weisungen – Zeichen, die den Grenzverlauf anzeigen. Auch die Ausrichtung der Buchstaben zeigt die Richtung des Gebietes: Rimbach oder Zotzenbach an.
Bei den quadratischen und punktförmigen Vertiefungen vermute ich Positionierhilfen des Messvorgangs.
Sind die Grenzsteine noch gültig und stehen sie unter Denkmalschutz?
Die Grenzsteine liegen praktisch alle auf der gültigen Grenzlinie11 zwischen den Gemarkungen Rimbach und Zotzenbach. Kleinere Abweichungen meiner Einträge können verschiedenen Ursachen haben. Unter anderem kann es auch daran liegen, dass ich von der historischen Karte nur ein Handyfoto besitze, entsprechend verzerrt in der Darstellung, möglicherweise gab es auch kleinere Korrekturen im Verlauf.
Beim Recherchieren über etwaigen Denkmalschutz konnte ich bei der Denkmalpflege Hessen12 im Internet nur vier Grenzsteine im heutigen Gemeindegebiet finden. Diese befinden sich allerdings in oder bei Albersbach! Eine interessante Spur, der ich gelegentlich nachgehen werde: wie sehen diese Steine wohl aus?
Einordnung

Bei den Zeichnungen unten sind die Ansichten umlaufend, die Draufsicht über der Hauptansicht angeordnet. Die Hauptrichtung ist als Blickrichtung vom Weg aus definiert. Auf vielen Steinen sind die Buchstaben G und Z zu erkennen.

Interessant finde ich Stein 5: Die um 90 Grad gedrehte Beschriftung erklärt sich durch das Rimbach herausgeschnittene – oder Zotzenbach angesetzte – Flurstück an dieser Stelle (siehe Gemarkungslinie und Karte M4).
Der schmale Stein 2 fällt ebenfalls aufgrund der Dimensionen und der fehlenden Beschriftung aus der Reihe.
Grenzstein 1

- Rumpf und Kopf überirdisch sichtbar
- kaum beschädigt, wenig verwittert
- quadratischer Grundriss
- flacher Kopf
- roter Sandstein
- ohne Weisung
- Hauptseite Inschrift G Z
- Rückseite Inschrift G R
- Datierung, Zeuge, genaue Gesteinssorte sind nicht bekannt
- ca. Maße / B×T×H / 20 × 20 × 30/38

Grenzstein 2

- Rumpf und Kopf überirdisch sichtbar
- unbeschädigt, etwas verwittert
- quadratischer Grundriss
- flacher Kopf
- roter Sandstein
- ohne Weisung, ohne Inschrift
- Datierung, Zeuge, genaue Gesteinssorte sind nicht bekannt
- ca. Maße / B×T×H / 10 × 13 × 27/25

Grenzstein 3

- Kopf knapp überirdisch sichtbar
- stark verwittert, Zustand unterirdisch unklar
- quadratischer Grundriss
- flacher Kopf
- roter Sandstein
- ohne Weisung
- Hauptseite Inschrift G Z
- Rückseite: müsste ausgegraben werden, vermutlich G R
- Datierung, Zeuge, genaue Gesteinssorte sind nicht bekannt
- ca. Maße / B×T×H / 20 × 20 × 16

Grenzstein 4

- Kopf überirdisch sichtbar
- leicht beschädigt, etwas verwittert
- quadratischer Grundriss
- flacher Kopf
- roter Sandstein
- punktförmige Vertiefung
- Hauptseite Inschrift G Z
- Rückseite Inschrift G R
- Datierung, Zeuge, genaue Gesteinssorte sind nicht bekannt
- ca. Maße / B×T×H / 20 × 20 × 15/22

Grenzstein 5

- Rumpf teilweise und Kopf überirdisch sichtbar
- leicht beschädigt, etwas verwittert
- quadratischer Grundriss
- flacher Kopf
- roter Sandstein
- Weisung als Grenzlinie deutbar, quadratische Vertiefung
- Linke Seite Inschrift G R
- Rechte Seite Inschrift G R
- Datierung, Zeuge, genaue Gesteinssorte sind nicht bekannt
- ca. Maße / B×T×H / 20 × 20 × 30/38

Grenzstein 6

- Kopf teilweise überirdisch sichtbar
- stark verwittert, Zustand unterirdisch unklar
- quadratischer Grundriss
- flacher Kopf
- roter Sandstein
- ohne Weisung
- Hauptseite Inschrift G Z
- Rückseite: müsste ausgegraben werden, vermutlich G R
- Datierung, Zeuge, genaue Gesteinssorte sind nicht bekannt
- ca. Maße / B×T×H / 20 × 20 × 11

Grenzstein 7

- Rumpf und Kopf überirdisch sichtbar
- beschädigt, leicht verwittert
- quadratischer Grundriss
- flacher Kopf
- roter Sandstein
- Pfeil oberseitig weist auf Grenzverlauf
- Hauptseite Inschrift G Z
- Rückseite Inschrift G R
- Datierung, Zeuge, genaue Gesteinssorte sind nicht bekannt
- ca. Maße / B×T×H / 20 × 20 × 30

Grenzstein 8

- Rumpf teilweise, Kopf überirdisch sichtbar
- etwas beschädigt, etwas verwittert
- quadratischer Grundriss
- flacher Kopf
- roter Sandstein
- ohne Weisung, punktförmige und quadratische Vertiefung auf der Oberseite
- Hauptseite Inschrift G Z
- Rückseite Inschrift G R
- Datierung, Zeuge, genaue Gesteinssorte sind nicht bekannt
- ca. Maße / B×T×H / 20 × 20 × 19/27

Da draußen ist noch mehr…
Gerade fertig mit diesem Beitrag und was passiert beim nächsten Spaziergang? Nicht ganz zufällig (habe gesucht) tauchen DREI weitere Steine auf! Und ich treffe einen Waldkenner, der mich en passant noch auf einen VIERTEN aufmerksam macht! Diese sind in der Google-Karte oben als Pfeile mit aufgenommen.
Allein die Steinsetzer, die Entwicklung des Geometer-Berufs, die Techniken der Vermessung, die Gerätschaften, die Zeichen auf den Steinen und die Bedeutung der Grenzen – damit könnte noch so manches (Hobby-)Forscherleben gefüllt werden!
Weiß jemand mehr über diesen Grenzverlauf und seine Steine? Ich freue mich über Dein Feedback.

Fußnoten | Anmerkungen
- Johann Christian Franz: Geometrischer Grundriss über die Fluhr Rimbach, das Gewand oder Gangbuch und Geometrischer Grundriss über die Fluhr Münschbach, das Gewand oder Gangbuch; angefertigt von Johann Christian Franz, Geometer, 1730 | Gemeindearchiv Rimbach ↩︎
- Wo und ob es noch existiert ist leider nicht bekannt ↩︎
- Karlheinz Rößling: Frühe Parzellenvermessungen im Odenwald – am Beispiel des Geometers Johann Wilhelm Grimm (1703-1778) in der Grafschaft Erbach in: Beiträge zur Erforschung des Odenwaldes und seiner Randlandschaften Band V, Breubergbund, 1992; Seite 288 ↩︎
- Abschrift liegt aus privater Quelle vor; außerdem erwähnt in: Franz X. Simmerding, Grenzzeichen, Grenzsteinsetzer und Grenzfrevler, ISBN 3-923825-08-0,1996; Seiten 305, 356 ↩︎
- „Quelle: HVBG / Hessisches Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation (HLBG), Digitale Orthophotos (DOP20). Lizenz: Datenlizenz Deutschland – Zero – Version 2.0 (dl-zero-de/2.0).(bearbeitet/überlagert)“ und „Quelle: Gemeindearchiv Rimbach : Johann Christian Franz – Geometrischer Grundriss über die Fluhr Rimbach, das Gewand oder Gangbuch und Geometrischer Grundriss über die Fluhr Münschbach, das Gewand oder Gangbuch, 1730 (Collage eingefärbt). ↩︎
- Sensibilisiert und informiert durch meine Geopark-vor-Ort Gruppe Weschnitztal: Danke!💕 ↩︎
- Ich habe die Karte mit Münschbach gründlicher untersucht. Die Veröffentlichung steht noch aus. ↩︎
- Johann Christian Franz: Tractus IV; Geometrischer Grundriss über die Fluhr Münschbach, das Gewand oder Gangbuch; angefertigt von Johann Christian Franz, Geometer, 1730 | Gemeindearchiv Rimbach ↩︎
- Jakob Getrost: Münschbach, die Geschichte eines Weilers; aus Pfingstmarkt-Festschrift 1967 | Gemeindearchiv Rimbach ↩︎
- Im 20. auch, allerdings würden die Steine dann vermutlich anders aussehen. ↩︎
- Siehe https://buergergis.kreis-bergstrasse.de ↩︎
- https://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/ ↩︎
- Dieser Grenzstein findet sich mitten im Wald zwischen Zotzenbach und Münschbach; https://maps.app.goo.gl/vSrcUS7YZjsgVZ256 ↩︎