Die Neuverdolung des Rimbacher Waldbachs im Dorfzentrum bescherte der Gemeinde eine Baustelle, die sich in mehreren Abschnitten gestaltete und über etwa anderthalb Jahre hinzog. Die Bauarbeiten begannen 2021. Während des zweiten Bauabschnitts 2022 wurde der Dorfbrunnen abgebaut und seitdem ist auch die Brunnenfrau weg. Sie fehlt.
Waldbachverdolung und Neugestaltung der Dorfmitte
Mit der Neugestaltung von Marktplatz, Rathausstraße und dem zentralen Parkplatz hinter dem Rathaus wurde ein Planungsbüro beauftragt. Im Zuge dessen fanden eine Bürgerbefragung, ein öffentlicher Rundgang sowie Entwurfspräsentationen statt. Bestandteil der Planungen war auch ein Wasserspiel, das unter anderem dazu beitragen sollte, die sommerliche Hitze im Ortskern zu mildern und zugleich einen temporären Spielbereich für Kinder zu schaffen.
Nach einer Zwischenpräsentation (das ist mehrere Jahre her) vernahm ich, nicht repräsentativ, eine gewisse Polarisierung: Wasserspiel gegen Brunnenfrau.
Mit fortschreitender Zeit wurde die Abwesenheit von Brunnen und Brunnenfrau anscheinend immer emotionaler wahrgenommen. Beim Kerweumzug Anfang November 2025 wurden diese, Brunnen und Frau, auf einem eigenen Wagen thematisiert; die hölzerne Nachbildung der Figur wurde im Rahmen des Kerwe-Frühschoppens sogar versteigert. Weiterhin berichteten mehrere Presseartikel1 vom Wunsch nach dem Brunnen, schließlich stellte die SPD einen Antrag auf Wiederaufstellung noch vor den anstehenden, auf Finanzierung wartenden, Maßnahmen für die Neugestaltung der Ortsmitte.
Mögliche Auseinandersetzungen im Detail habe ich nicht weiter verfolgt. Auffällig war jedoch, dass sich so zahlreiche Unterstützer dafür einsetzten, ihr den Platz im Dorfzentrum zurückzugeben, dass dies jetzt nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint.
Ein paar Fakten vorab
vom Laufbrunnen zum Schmuckbrunnen
- 1721 werden Wasserleitungen (Deicheln) von der Neuwiese durch die Hauptstraße des Dorfes gelegt und zwei Laufbrunnen errichtet. Diese waren Versorgungsbrunnen zur alltäglichen Wasserentnahme.
- Um 1909 – so die Ortschronik – wird der Bau der Wasserleitungen [zu den Gebäuden] im Ort vollendet.
- Im Zuge der ersten Dorferneuerung nach dem zweiten Weltkrieg wurde das alte Rathaus (von 1714) abgerissen und ein neues Dorfgemeinschaftshaus gebaut. Dessen Einweihung fand 1956 statt. Der Waldbach war im Bereich des Marktplatzes bereits seit 1949 verdolt, weitere Überdeckungen fanden 1956 und 1959 statt. Vor dieser Zeit floss der Bach noch offen durch den Ort. Mit der Verdolung verschwanden – so meine Vermutung – auch die Laufbrunnen.
- Bereits 1953 ließ der Wirtschafts- und Verkehrsverein einen neuen Brunnen bauen und einweihen. Dieser hatte zunächst keine Figur auf der Brunnensäule2.
- Die Brunnenfrau kommt 1954? auf den Sockel3.
- Eine zweite Dorferneuerung fand während der ersten Amtsperiode (1982 – 1994) von Bürgermeister Nauth4, statt, 1987 wurde die damals neu gestaltete verkehrsberuhigte Rathausstraße fertiggestellt.


Die Skulptur
Die aus rotem Sandstein gehauene Figur ist etwa lebensgroß. Die Darstellung ist eher schematisiert und einfach ausgeführt. Man erkennt Gesichtszüge mit einem mildem Ausdruck. Der Kopf ist leicht nach unten geneigt, der Blick selbst geradeaus gerichtet. Das Haar ist locker nach hinten gebunden. Ihre Kleidung besteht aus einem knöchellangen, in der Taille mit einem Gürtel oder Band zusammengehaltenen weiten Kleid. Der Faltenwurf ist deutlich sichtbar, am Halsbereich ist zudem ein kurzer Ausschnitt zu sehen. Die Ärmel sind lang und weit. Mit der rechten Hand greift sie den Henkel eines länglichen, eher kannenförmigen Kruges, der dadurch locker vor ihrem Körper hängt, am Gießrand gehalten durch ihre linke Hand. Ihre Füße, die in groben Schuhen oder Pantoffeln stecken, schauen etwas aus den Kleid hervor.
Doch wer hat sie geschaffen? Über den Künstler oder die Werkstatt aus der sie stammt konnte ich bislang nichts herausfinden.

Warum fehlt sie uns?
Rein intuitiv hatte ich bei meinen eigenen ersten Überlegungen zur Neugestaltung der Dorfmitte den Brunnen im Dorf gelassen. Ich hatte mir zugegebenermaßen keine großen Gedanken gemacht, es war eher so, dass ich dachte, dort wo es eine Brunnengasse und eine Brunnen-Apotheke gibt, sollte auch ein Brunnen sein. Ohne viel zu überlegen, gehörte der Brunnen für mich zum Marktplatz einfach dazu. Doch warum ist die holde Frau ohne Namen plötzlich Dorfgespräch?
Erinnerung an frühere Zeiten
An wen oder was erinnert die Brunnenfrau, die in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre ihren Platz vor dem Dorfgemeinschaftshaus fand?
Ich stelle mir vor, dass man sich damals, relativ kurz nach dem Krieg, an eine Zeit zurücksehnte, in der alles noch in Ordnung war. Die Vergangenheit aufzuarbeiten war noch nicht Thema. Auch ging es bei der Darstellung weniger um das tatsächliche Wasserschleppen, dies war ja schon seit Jahrzehnten6 nicht mehr nötig, sondern um das, was mit dieser früheren Zeit verbunden war: ein alltägliches, einfaches Leben. So war es und so soll es auch wieder sein: so wie die Frau mit dem Krug ihren Job macht, ohne viel Aufhebens, so soll es jetzt wieder jeder tun.
Als Bürgermeister Adam Schmitt 1946 sein schweres Amt antrat, war es ihm sicher nicht klar, welch riesige Arbeit bevorstand. Aber er packte zu! Vergangenheitsbewältigung wollte er nicht betreiben. „Jeder hatte Dreck am Stecken – mehr oder weniger“. Frei von Schuld konnte sich kaum jemand sprechen, deshalb gab es für Adam Schmitt nur den Blick nach vorne, zumal es tagtäglich noch um das Überleben ging7.
Aus 100 Jahre SPD Rimbach, 2010

Zwiesprache mit der Brunnenfrau
Den stillen Dialog mit der neuen Brunnenfrau empfiehlt Oberstudiendirektor Dr. Neumann von der Martin-Luther-Schule im Pfingstmarktheft von 1954? und lässt sie dabei gleich selbst zu Wort kommen:
Sieh, es ist ein ganz schlichter Dienst, sich aufzumachen und am Brunnen den Krug zu füllen! Haben wir Frauen und Mägde nicht von alters her solches Dienen auf uns genommen? Gehöre ich darum nicht schon immer zu euch? Und werde immer zu euch gehören? Darf ich es verkünden, dass dieses Dienen uns prägt zu jener Demut, die den Menschen erst wirklich zum Menschen macht? Darf ich es von nun an durch die Zeiten verkünden, wenn ihr alle schon längst dahin gegangen seid und neue Geschlechter zum strömenden Quell des Lebens kommen? Darf ich auch euch Lebende mahnen, wenn ihr es vergessen solltet? Ein jeder ist zu solchem Dienst gerufen, er sei ein Reicher oder ein Geringer!
Oberstudiendirektor Dr. Neumann | Pfingstmarktheft 1954?

Ein Gegendenkmal?
Und heute? Wie ist unsere Beziehung zu ihr, was bedeutet sie für uns im heutigen Kontext? Als ich letztes Jahr die Ausstellung Fellow Travellers im ZKM (Zentrum für Kunst und Medien) in Karlsruhe besuchte, erhielt ich ein Faltblatt: das Fellow Travellers ABC. In diesem werden Begriffe gesammelt, welche künstlerische Projekte als Werkzeuge verstehen, mit denen neue Formen des Zusammenlebens erprobt werden. Aus dieser Schrift stammt folgender Text:
Gegendenkmäler
Das sind Formen des Gedenkens, die die Kreativität der gewöhnlichen Leute, den alltäglichen Widerstand, die unbekannten Held:innen und die Solidarität von unten ehren. Sie richten sich gegen aufgeblähte Mythologien, die durch öffentliche Denkmäler verstärkt werden und meist Kriegsheld:innen feiern, nationale Identitäten verstärken oder das Martyrium ganzer Völker symbolisieren. Gegendenkmäler geben der Geschichte ein individuelles Gesicht, das bis in kleinste Detail von den materiellen Zeugen selbst gezeichnet wird.[…]
Fellow Travellers ABC
Anfang der neunziger Jahre verbrachte ich einige Zeit in Konstanz, kurz nach der Fertigstellung des Konstanzer Triumphbogens, eine Anlage mit Wasserspiel, ein Brunnen der die Wogen unter den Bürgern erstmal hochschlagen ließ.

Auch wenn die Rimbacher Brunnenfrau ohne Namen dagegen sehr unauffällig daherkommt, sehe ich sie ebenso als Gegendenkmal. Ein Denkmal, das viele Bürger wieder haben möchten.
Sehnsuchtsobjekt
Ich gebe es zu: Lange wurde sie auch von mir kaum beachtet. Beim Recherchieren, fand ich unter meinen unzähligen Fotos vom Dorf, keine einzige brauchbare Aufnahme! Aber seit sie weg ist, fehlt etwas. Dies brachte schließlich auch der Kerweverein mit Themenwagen und Versteigerung deutlich zum Ausdruck:
Unsre Brunnefraa werd moje versteigerd! Alle Rimbescher trauern bereits sehr lange um Ihren Brunnen und die dazugehörige Brunnenfrau, welche Jahrzehnte unseren Marktplatz geziert hat. Die Brunnefraa gehert zu Rimboch wie de Parrer zur Kerwe! Beim vergangen Pfingstumzug haben wir bereits auf diese Problematik aufmerksam gemacht und den Brunnen samt handgeschnitzter Brunnenfrau auf unserem Wagen präsentiert. Morgen ist es jetzt so weit, die Brunnefraa wird im Rahmen des Kerwe-Frühschoppens auf der Bühne versteigert! Kommt vorbei, bietet mit! Lasst uns gemeinsam die Kerwe 2025 in diesem Rahmen gebührend beschließen! #kvr#kerwe#party#frühschoppen#brunnen#rimbach
Kerweverein Rimbach 2025, gepostet bei Instagram

Am Ende bleibt die Frage, was einen Ort im Innersten zusammenhält. Es sind nicht allein funktionale Planungen oder gestalterische Konzepte, sondern auch die leisen, vertrauten Zeichen, an denen sich Erinnerung festmacht. Die Brunnenfrau gehört dazu. Vielleicht erklärt gerade ihr Fehlen, warum sie vielen heute mehr bedeutet als je zuvor.
Anmerkungen und Nachweise:
- Echo Online: So könnte der Rimbacher Marktplatz künftig aussehen
Echo Online: Arbeiten an Rimbacher Waldbachverdolung im Zeitplan
Echo Online: Die Rimbacher Brunnenfrau kehrt zurück und
Echo Online: Rimbacher HFA beschäftigt sich mit emotionalen Themen ↩︎ - Karl-Ludwig Schmitt, Rimbach im Odenwald, Geiger-Verlag, Horb am Neckar, 1995; Seite 221 ff.; ↩︎
- Wann genau die Brunnenfrau auf den Sockel kam, konnte ich nicht exakt herausfinden. Ich habe es irgenwo gelesen, finde aber die Quelle nicht mehr und gehe von 1954 aus. ↩︎
- 100 Jahre SPD Rimbach, Festschrift anlässlich des hundertjährigen Jubiläums 2010, Seite 54 ↩︎
- Mit herzlichem Dank an Marie Borgenheimer für die Bereitstellung der Fotos aus dem Nachlass von Andreas Herla ↩︎
- Im Gemeindearchiv befindet sich eine Karte von 1910: Lageplan über die angeschlossenen Gebäude. Augenscheinlich haben hier die meisten Gebäude im Ort bereits einen Wasseranschluss. ↩︎
- 100 Jahre SPD Rimbach, Festschrift anlässlich des hundertjährigen Jubiläums 2010, Seite 33 ↩︎
- Rainer Halama, CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons ↩︎